Start-ups in 2022: Ein Interview mit Florian Weber

Welche Chancen sich dieses Jahr für neu gegründete Unternehmen bieten und welche Rahmenbedingungen wichtig sind, darüber haben wir mit Florian Weber, Chief Commercial Officer bei SevenVentures gesprochen. 

Wer wird 2022 zum neuen Unicorn?  

Grover aus unserem SevenVentures Portfolio hat das vor kurzem geschafft. Wir haben Grover mit einem Media-for-Equity Deal unterstützt und im Rahmen der Series-C-Finanzierungsrunde Anteile am Unternehmen erhalten. In Deutschland gab es noch nie so viele Unicorns wie im vergangenen Jahr und die Anzahl an abgeschlossenen Deals sowie das Gesamtvolumen der Investitionen in Start-ups waren auf einem Rekordniveau: Das zeigt eine Studie der Wirtschaftsprüfer-Organisation Ernst & Young. Deutschlandweit stieg die Zahl der Finanzierungsrunden, gegenüber dem bisherigen Höchstwert im Vorjahr, um 56 Prozent und dem Start-up-Sektor floss mehr Risikokapital zu als im gesamten Zeitraum zwischen 2018 bis 2020. Das zeigt, dass es in Deutschland buchstäblich einen Finanzierungsboom für Start-ups gab. Wie lange er in dieser Form noch andauern wird, hängt natürlich von sehr vielen Rahmenbedingungen ab, die man aktuell nur schwer einschätzen kann. Die immer noch andauernde Corona-Pandemie und der Krieg in der Ukraine mit seinen komplexen weltwirtschaftlichen Folgen spielen hier eine entscheidende Rolle. Auch bei den Start-ups werden einzelne Sektoren sicher stärker betroffen sein.

Was ist deine Sicht auf diese Hochphase und was bedeutet das für SevenVentures? 

Von der Investitionsbereitschaft der Geldgeber profitierten vor allem junge Unternehmen, die den Digitalisierungsschub nutzen, der durch die Pandemie ausgelöst wurde. Hier sehen wir neben dem Hotspot Berlin auch einen spürbaren Boom in Bayern. Gleichzeitig kommt es unter den Investoren zu einer größeren Konkurrenz. Hier können wir uns als SevenVentures mit unserer Investitionswährung sehr gut abheben, also mit unserer TV- und Digitalreichweite, über die wir monatlich etwa 60 Millionen Menschen in ganz Deutschland erreichen. 

Die Bundesregierung setzt in ihrem Koalitionsvertrag auch neue Akzente für das Start-up-Ökosystem. Zum einen sollen die Rahmenbedingungen für Gründer:innen verbessert werden, darüber hinaus entstehen aus den strategischen Zielen der neuen Regierung, wie z.B. Energiewende, E-Mobilität, Digitalisierung, neue Spielfelder für Start-ups. Wie bewertest du diese neuen Rahmenbedingungen und die Chancen, die sich daraus ergeben?  

Natürlich verfolgen wir die aktuellen Entwicklungen im Hinblick auf politische Neuerungen genau und haben die entsprechenden Markt-Segmente in der Start-up-Branche fest im Blick. Laut EY-Studie gab es 2021 mehr Finanzierungsrunden in den Bereichen Software & Analytics sowie Mobilität und Energie. Das bestätigt, dass diese Branchen auch künftig eine wichtige Rolle spielen – nicht nur aus Sicht der Politik, sondern auch im Investment-Bereich. Natürlich wollen wir als Investor Start-ups fördern, die in diesen gesellschaftlich relevanten Feldern Veränderung als Chance begreifen und erfolgreiche Lösungen für die Zukunft finden. 

Welches Start-up wird die Welt verbessern?  

Nachhaltigkeit rückt auch bei Start-ups immer weiter in den Fokus und auf dem Markt gibt es aktuell viele innovative Geschäftsmodelle. Hervorragende Beispiele dafür finden sich auch in unserem SevenVentures-Portfolio mit Unternehmen wie refurbed oder eben Grover, die gebrauchte Elektronikgeräte erneuern bzw. diese in einem Abonnement-Modell an Privat- und Geschäftskunden vermieten. Grover erhielt in seiner Series C vor kurzem eine der größten Finanzierungen eines Start-ups aus der Circular Economy überhaupt. Insgesamt flossen 2021 laut EY-Studie 20 Prozent des in Deutschland investierten Risikokapitals in Start-ups mit Nachhaltigkeitsfokus – und mit der steigenden Zahl der Start-ups mit Nachhaltigkeitsfokus steigt sicherlich auch das Potenzial, die Welt zu verbessern.

Welches Projekt steht bei SevenVentures 2022 ganz oben auf der Agenda? 

Nachdem im letzten Jahr die gesamten Investitionstätigkeiten von ProSiebenSat.1 unter dem Dach des Commerce & Ventures Segments gebündelt wurden, wachsen die einzelnen Investment-Teams gerade immer weiter zusammen. Unser Ziel ist es, den Austausch innerhalb des Segments und mit anderen Bereichen des Konzerns weiter voranzutreiben. In unserem Segment Commerce & Ventures bilden wir bei ProSiebenSat.1 verschiedene Investitionsoptionen ab: Für sehr frühphasige Start-ups gibt es unseren SevenAccelerator mit individuell zugeschnittenen Media-Deals, für Wachstumsunternehmen die SevenVentures. Unser Kernprodukt ist Media-for-Equity, also der Tausch von Werbezeit gegen Unternehmensanteile. Daneben arbeiten wir noch mit anderen Modellen wie Media-for-Revenue, also der Beteiligung am Umsatz bzw. dem Unternehmenserfolg. Mit unserem Investitionsvehikel SevenGrowth fokussieren wir uns auf bereits etablierte digitale Geschäftsmodelle, an denen wir uns mit einer Kombination aus Cash und Media beteiligen. Und schließlich gibt es die NuCom Group, die die Mehrheit an mittel- bis spätphasigen Unternehmen aus den Bereichen Verbraucherberatung, Beauty & Lifestyle und Erlebnisse hält.  

Wir haben also mit einem großen Spektrum an Beteiligungsformen die Möglichkeit, Unternehmen in den verschiedensten Wachstumsphasen zu begleiten. Die Bandbreite der Investments ist groß und spricht eine breite Masse von Gründer:innen an. Das wollen wir als SevenVentures nach draußen in den Markt tragen. 

Wie geht ihr bei der Suche nach interessanten Beteiligungen vor?  

Unser Investmentfokus liegt insbesondere auf den Branchen Konsumgüter, Handel und Dienstleistungen und auf Unternehmen, die das Potenzial haben, durch den Einsatz von TV-Werbung nachhaltige Erfolge zu erzielen. Wir suchen den Markt proaktiv nach solchen verbraucherorientierten, skalierbaren Unternehmen ab und nutzen dafür unser breites Netzwerk.  

Start-ups können sich aber auch selbst bei uns bewerben, wenn sie unsere Kriterien erfüllen. Ein besonderes Highlight des Jahres: Auch 2022 findet erneut der SevenVentures Pitch Day in Kooperation mit dem 4GAMECHANGERS-Festival der österreichischen Kollegen von ProSiebenSat.1 PULS 4 statt – laut Forbes Magazine einer der wichtigsten Start-up-Wettbewerbe weltweit. Bewerben können sich kreative und innovative Start-ups mit Fokus auf Endverbraucher-Produkte und -Dienstleistungen, die ihr Geschäftsmodell schnell skalieren wollen. Sie sollten sich zudem bereits in einem Entwicklungsstadium befinden, in dem sie von der Werbepower einer Bewegtbildkampagne nachhaltig profitieren können. Für den Sieger der Endrunde geht es um eine eigene TV- und Digitalkampagne in Millionenhöhe. Und damit um einen Wachstumsbeschleuniger und echten Meilenstein in Sachen Markenaufbau.  

Wie kann ich mich vorbereiten, wenn ich bei euch in einen Pitch gehe? 

Gründer:innen sollten sich generell natürlich mit unserer Investitionsstrategie auseinandergesetzt haben und wissen, dass wir bei den SevenVentures, neben unseren anderen Stufen des Segments, Unternehmen in der Wachstumsphase mit Media-for-Equity unterstützen. Unsere Kriterien sind sehr klar, daher geht es vor allem darum sich als Start-up mit dem passenden Zuschnitt für eine Förderung zu präsentieren. Was speziell den SevenVentures PitchDay anbelangt: Die Unternehmer:innen sollten der Jury und den Zuschauer:innen das jeweilige Geschäftsmodell verständlich erklären, letztlich prägnant auf einen Satz herunterbrechen können. Salopp gesprochen: bei einer Begegnung im Aufzug sollten sie in einer Minute erzählen können, was das eigene Start-up auszeichnet.  

Selbstverständlich kennen wir durch die eingesendeten Präsentationen in der Bewerbungsphase die Zahlen und Business Cases der Start-ups, aber dennoch spielt in dem Moment der Entscheidung vor Live-Publikum auch die starke Gründerpersönlichkeit, das Brennen für die eigenen Produkte, eine maßgebliche Rolle und kann bei einem engen Wettkampf das Zünglein an der Waage sein. Deswegen mein Rat: authentisch sein. Den Markt und die Konkurrenz gut kennen. Aber auch seine Schwächen einordnen und transparent damit umgehen. Ganz wichtig: eine Vision haben und schon im Vorfeld überlegen, was man mit einer 3 Mio. schweren Kampagne konkret für die Unternehmensziele erreichen möchte.  

Welche Faktoren sind für dich wichtig, wenn ihr euch für ein Investment entscheidet?  

Wir haben klare Voraussetzungen für unsere Investments: Wir beteiligen uns an Geschäftsmodellen, die sich am Markt bereits bewährt haben, gut skalierbar sind und idealerweise eine geringe Kapitalbindung haben. Die Produkte müssen Endverbraucher:innen und einen Massenmarkt in der DACH Region ansprechen. Wenn diese Investmentkriterien erfüllt sind, hängt es in der Regel vom jeweiligen Zukunftspotenzial des Geschäftsmodells ab, welches Start-up wir fördern. Hat das Start-up einen USP, durch den sie sich im deutschsprachigen Raum klar von den Mitbewerbern abgrenzen? Aber auch die Persönlichkeit der Gründer:innen sowie das Vertrauen zwischen uns und den Beteiligungen spielen eine entscheidende Rolle. Wir achten hier sehr auf heterogene, erfahrene Management-Teams, wenn wir Media-for-Equity und Media-for-Revenue Geschäfte eingehen.  

Wenn es um Vertrauen und Brandbuilding geht, können wir mit TV unseren besten Mehrwert bieten, insbesondere für Industrien, deren Fokus einen mittel- bis langfristigen Markenaufbau erlaubt. Neben ambitionierten Start-ups arbeiten wir hier auch mit etablierten mittelständischen Unternehmen in Form von Media-for-Revue Deals zusammen, um deren Marken zu beleben und langfristig zu stärken. 

Welchen Mehrwert bietet ein Investment der SevenVentures für Gründer:innen? 

TV-Werbung ist DER Hebel für Reichweite und Bekanntheit einer Marke. Das haben wir schon oft und erfolgreich unter Beweis gestellt. Unter unseren ersten Cases waren beispielsweise Zalando oder Lieferando. Hier konnten wir zeigen, wie Unternehmen mit unserer Hilfe innerhalb kürzester Zeit zum Marktführer bzw. einer bekannten Marke werden. TV bringt in sehr kurzer Zeit sehr viel Reichweite und überzeugt ebenso, wenn es um Vertrauensbildung geht. Und genau dadurch unterscheiden wir uns von klassischen VCs. Von anderen Investoren bekommen Start-ups Geld, müssen sich um ihren optimalen Marketing-Mix selbst kümmern. Wir sorgen in enger Zusammenarbeit mit den Gründer:innen für eine optimale Mediaplanung, kontrollieren die Aussteuerung und analysieren die Ergebnisse, um die bestmögliche Unterstützung bieten zu können. Hier können wir auf unsere große Expertise bei Themen wie Kreation, Analyse und Tracking von TV-Spots oder 360-Grad-Kampagnen zurückgreifen. Außerdem nutzen wir Synergien innerhalb des ProSiebenSat.1-Konzerns, etwa für Cross-Marketing-Kampagnen mit anderen E-Commerce Plattformen oder Online-/Performance-Marketing. Gemeinsam mit unserem großen Netzwerk finden wir immer den richtigen Weg für das entsprechende Unternehmen. 

Auf welchen Events können Gründer:innen euch 2022 persönlich treffen? 

Sofern es die die aktuelle Pandemie-Lage zulässt, werden wir in diesem Jahr auf den klassischen Branchen-Events wie OMR oder Bits & Pretzels vertreten sein, aber auch bei industriespezifischen Veranstaltungen. Wir freuen uns in jedem Fall sehr, endlich wieder mehr in den persönlichen Kontakt mit Gründer:innen zu treten.  

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