Heimvorteil verspielt?

Corona hat unsere Welt verändert. Wir müssen das auch. Anstatt wie Kinder dem Weihnachtsmann, dem erlösenden Impfstoff entgegenzufiebern, sollten wir anfangen, uns an das „neue Normal“ zu gewöhnen. Wir werden vorerst wohl in einer Welt leben, in der wir im öffentlichen Leben Masken tragen, einander mit einem Winken statt einer Umarmung oder Händeschütteln begrüßen, seltener fliegen und weniger reisen werden – und Fußball in stummen, leeren Stadien gespielt wird.

Apropos: Nur jedes fünfte Heimspiel der sogenannten Geisterspiele in der Fußball-Bundesliga, führte auch zu Heimsiegen. Normale Saison-Heimsiegquoten bewegen sich zwischen 40 und 50 Prozent. Die Bundesliga steht vor einem absoluten Tiefstwert bei Heimsiegen. Ist der Heimvorteil ohne Zuschauer weg? Sportwissenschaftler fehlt in der Diskussion die Grundlage, da die Datenmenge viel zu gering ist, um daraus irgendwelche Schlüsse zu ziehen, zumal die 2. Bundesliga mit gut 40 Prozent bei Heimsiegen eine gegenteilige Annahme liefert.

Welche Rolle spielen aber die Fans für den Ausgang einer Partie, verstärken sie wirklich den Heimvorteil für die gastgebende Mannschaft? Offenbar ja. Angefangen beim Schiedsrichter, denn heimische Zuschauer setzen ihn permanent unter Druck, was zu überdurchschnittlich vielen gelben Karten für ähnliche Vergehen führt. Darüber hinaus wurden nachweislich mehr Freistöße und Fouls gegen die Heimmannschaft bei den Geisterspielen gepfiffen als sonst. Fans können aber auch ein Nachteil sein, wenn sie durch hohe Erwartungen zu großen Druck auf die eigene Mannschaft erzeugen.

Was auch am Ende der Auslöser dafür sein mag, bemerkenswert ist das Fehlen des Heimvorteils in jedem Fall. Fanforscher sind überzeugt, dass der Fußball letztlich als Einheit verstanden werden muss, denn es betrifft nicht nur einzelne Mannschaftsteile und Vereine, sondern die Fan- und Fußballkultur als Ganzes. Nimmt man ein Teil aus dem komplexen System Fußball heraus, hat das wissenschaftlich nachweisbar Auswirkungen auf die Ergebnisse auf dem Rasen. 

Und nicht nur weil Profi-Fußballvereine wie große Unternehmen gemanaged werden, lassen sich Parallelen zur Wirtschaft erkennen. Auch hier scheint der „Heimvorteil“ für Marken und Konzerne, sprich ein uneingeschränktes, unkritisches Tolerieren sämtlicher Aktivitäten, zum größten Teil verlorengegangen zu sein. Konsumenten und Marken-„Fans“ sind durch die Pandemie wesentlich sensibler geworden, sie verändern ihr gewohntes Konsumverhalten und damit auch ihre Erwartungen an Unternehmen. Sie stellen die Sinnfrage, wollen genauer über Entstehung, Lieferketten und in Anspruch genommene Ressourcen von Produkten informiert werden. Fordern uneingeschränkt Transparenz, Authentizität und Ehrlichkeit. Jahrelang angesparter Marken-Bonus ist binnen Tagen verspielt. Geld verdienen um jeden Preis wird nicht mehr bedienungslos toleriert, was aktuell die weltweite #stophateforprofit Boykott-Kampagne gegen Facebook zeigt, der sich über 400 namhafte Unternehmen angeschlossen haben. 

Fast schon reflexartig bedienen sich Marken sämtlicher Buzzwords: Von Diversity über Attitude bis hin zu Purpose. Auch hier lohnt ein Blick zum grünen Rasensport: Hier ist Diversity-Management und die damit verbundene Vielfalt schon lange der Erfolgsfaktor. Keineswegs getrieben zur karikativen Hilfe für „Minderheiten“, sondern um knallharte ökonomische Ziele zu erreichen und wettbewerbsfähig zu bleiben. Selbst unsere Nationalmannschaft ist gespickt von Spielern, deren familiären Wurzeln teils anderswo liegen, in Spanien, in Polen, in der Türkei und im nördlichen Afrika. Vielfalt bringt Stärke. Unterschiedliche Talente, unterschiedliche Kulturen und andere Herangehensweisen können gezielt eingesetzt werden, um das große Ganze voran zu bringen und zu erreichen.

Konzerne, die stets nur selbstähnliche Mitarbeiter rekrutieren, die vermeintlich gut in ihre Kultur passen, entscheiden sich auf Dauer gegen den Wandel. Denn Firmen-Kultur sollte weniger als Bestandswahrung eingesetzt, sondern als Instrument zur Transformation verstanden werden. Wenn Mitarbeiter sich mit all ihren Facetten wertgeschätzt fühlen, bringen sie sich mit ihren Fähigkeiten und Ideen besser ein. Und dies hilft auch, neue Kundengruppen zu erschließen und bestehende nicht zu verlieren.

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Benutzerbild von Tom Schwarz

Tom Schwarz ist seit 1. Juni 2016 Geschäftsführer Kreation beim ProSiebenSat.1 360-Vermarkter Seven.One AdFactory. Zuvor verantwortete der Diplom-Designer knapp fünf Jahre lang die kreative Gesamtleitung der Agentur bei Ogilvy & Mather, Düsseldorf. Weitere Stationen seiner Karriere waren die Kreativgeschäftsführung bei Jung von Matt/Spree und Jung …

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