von
Victoria Annich
Market Insights
2020-07-29

Warum mehr Start-ups auf Circular Economy-Modelle setzen

Warum mehr Start-ups auf Circular Economy-Modelle setzen

Der moderne Verbraucher schätzt nachhaltige Marken. Neue Geschäftsmodelle gehen nun vermehrt über traditionelle Nachhaltigkeitspraktiken hinaus und werden gezielt auf die Wiederverwendung von Produkten und die Vermeidung von Abfall ausgerichtet. Das Modell der Circular Economy, der sogenannten Kreislaufwirtschaft, kommt dabei nicht nur der Umwelt und dem Verbraucher zugute, sondern bietet auch Chancen für Unternehmen.

Was genau versteht man unter Circular Economy?

Alle Produkte haben einen bestimmten Lebenszyklus und dieser war bisher überwiegend linear. Ein Unternehmen beschafft Rohstoffe, wandelt sie in Produkte um und wenn der Verbraucher sie benutzt hat, werden sie weggeworfen. Der zirkuläre Ansatz hingegen verlängert den Produktlebenszyklus mithilfe von Wiederverwendung, Wiederaufbereitung und Recycling.

Eine wachsende Anzahl an Start-ups mit Circular Economy-Geschäftsmodellen entstehen derzeit insbesondere in den Bereichen:

  • Textilien: Wie beispielsweise Fitle, ein virtuelles Tool für Online-Shopping, welches passgenaue Größenempfehlungen anhand kundenspezifischer Angaben gibt, um Rückgaben zu vermeiden
  • Lebensmittel: Zum Beispiel Matsmart, eine Plattform, die Lebensmittel und Getränke zu Discountpreisen verkauft, die andernfalls nach Überschreitung des Mindesthaltbarkeitsdatums weggeworfen werden würden. Bis dato wurden rund 40 Millionen Euro in das Unternehmen investiert.
  • Elektronik: Mit Playern wie dem Berliner Start-up Grover, welches flexible Mietpläne für neueste Elektronik anbietet, ist dies ein stark wachsendes Segment. Grover erhielt im Januar 2020 eine weitere Finanzierung über 250 Millionen Euro.
  • Transport: Hier sind primär Mitfahr- und Carsharing-Plattformen wie Ridebee und Clevershuttle aktiv.

Deutsche Circular Economy Start-ups machen weltweit fast ein Drittel des Sektors aus, womit Deutschland nach Großbritannien und Schweden zu den führenden Ländern gehört.

Was sind die treibenden Kräfte?

Das Konzept der Circular Economy findet bereits seit Jahrzehnten Erwähnung in der Wissenschaft. Warum etabliert sich dieses erst jetzt im Bewusstsein der Öffentlichkeit?

Drang nach Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist für die Kaufentscheidung der Verbraucher von großer Bedeutung. Nach Untersuchungen von Euromonitor International entscheiden sich Verbraucher zunehmend für Sharing Economy Lösungen oder recycelte, gebrauchte oder langlebige Produkte – und das nicht nur wegen der Umweltfreundlichkeit, sondern auch weil sie dadurch Geld sparen können.

Begrenzte Ressourcen

Als Folge des linearen Wirtschaftsmodells wird der Großteil der weltweiten Ressourcen nur einmal genutzt. Sie sind jedoch Mangelware. So wird beispielsweise geschätzt, dass die Rohölreserven den Bedarf der Wirtschaft nur noch etwa 50 Jahre lang decken können.

Technologische Entwicklung

Digitalisierung, das Internet der Dinge und künstliche Intelligenz sind Lösungen, die die Kreislaufwirtschaft fördern und erleichtern. Nehmen wir zum Beispiel Carsharing-Plattformen – eine digitale Plattform samt App ermöglicht es, verfügbare Autos in der Umgebung zu lokalisieren, den Kilometerstand abzufragen und sie zur Nutzung freizugeben. Dieses System wäre ohne intelligente Geräte, die miteinander kommunizieren können, nicht möglich.

Vorteile für Unternehmen

Die Circular Economy eröffnet sowohl jungen Start-ups als auch etablierten Unternehmen enorme Chancen. Aus verwerteten Abfällen lassen sich kostengünstig neue Nebenprodukte gewinnen, die wiederum neue Märkte und Absatzmöglichkeiten eröffnen. Reparaturen, Wiederaufbereitung, Wiederverkauf und gemeinsame Nutzung stellen sicher, dass Produkte wie elektronische Geräte, Kleidung oder Fahrzeuge auch weiterhin Einnahmen über dem ursprünglichen Kaufpreis hinaus generieren. Ein Mietmodell ist für jene Kunden attraktiv, die sich ein qualitativ hochwertiges Produkt mit hoher Funktionalität kaufen wollen, aber nicht für die Kosten einer Neuanschaffung aufkommen möchten. Beispielsweise startete BMW damals seinen DriveNow-Dienst, damit bestehende BMW-Besitzer leichter einen BMW mieten können, wenn sie nicht zu Hause sind – mit der Zeit stellte sich jedoch heraus, dass viele andere Nicht-BMW-Besitzer ebenfalls Interesse daran zeigten, einen BMW für eine begrenzte Zeit zu mieten.

Aus der Marketing-Perspektive bieten zirkuläre Kundenbeziehungen die Möglichkeit, Nähe zum Kunden aufzubauen, unter anderem durch die personalisierte Produktgestaltung, was im besten Fall zu gesteigerter Loyalität führt. Zirkuläre Wirtschaftsansätze bauen eine stärkere Markenreputation auf, indem sie ein erstklassiges Produkt und einen erstklassigen Service anbieten – auch wenn der Kunde nicht der erste Besitzer des Produkts war oder das Produkt letztendlich mit anderen teilt.

Neue Herausforderungen als Resultat

Bei all den positiven Entwicklungen lässt sich jedoch leider nicht leugnen: Der E-Commerce treibt weiterhin eine "Want-it-now"-Kultur der schnellen Bestellung, Lieferung und Rückgabe voran. Unsere Gesellschaft hat noch einen langen Weg vor sich, bevor das Konzept der Wiederverwendung und Wiederaufarbeitung in vollem Umfang verinnerlicht wird. Auch wenn Nachhaltigkeit vor allem für junge Verbraucher ein wichtiger Aspekt ist – ein Großteil des Erfolgs dieser neuen Geschäftsmodelle hängt letztendlich von der Fähigkeit der Unternehmen ab,das richtige Produkt zum richtigen Preis anzubieten. Es ist keinesfalls leicht, funktionierende Geschäftsmodelle zu entwickeln, welche auf gemeinsame Nutzung, Recycling, Upcycling und Abfallreduzierung abzielen. Unternehmen, die beispielsweise ein Sharing- oder Mietmodell haben, müssen entweder die Kosten für Reparaturen selbst tragen oder sie an den Verbraucher weitergeben – beide Optionen haben potenziell schwerwiegende Auswirkungen auf Kundenzufriedenheit und Rentabilität.

Für Werbetreibende implizieren die zirkulären Geschäftsmodelle mehr in „Gemeinschaften“ als in einzelnen „Konsumenten“ zu denken. Verbraucher werden zukünftig persönlichere und engere Beziehungen zu Marken aufbauen, dafür aber wahrscheinlich zu umso wenigeren Marken. Bei der Entwicklung weg von linearen Modellen wird der Kampf um Kunden daher noch kompetitiver für Unternehmen als bislang.

In Zusammenfassung

Die Circular Economy bietet ein wachsendes Feld für junge Unternehmen, um veraltete Geschäftsmodelle anders zu denken und gleichzeitig komplett neue Ansätze zu entwickeln. Sie hat damit eine Reihe innovativer Geschäftsmodelle mit einem überzeugenden Angebot für die Verbraucher hervorgebracht: die Möglichkeit, ein Qualitätsprodukt zu einem günstigeren Preis zu mieten oder zu kaufen – auch wenn diese Produkte in den meisten Fällen aufbereitet wurden oder aus wiederverwerteten Abfällen bestehen. Das ist schlussendlich nicht nur gut für die Umwelt und den Verbraucher, sondern auch gut für Unternehmen.


* Foto von Morning Brew auf Unsplash

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